Das Zahlungssystem euroSIC

Das Schweizer Euro-RTGS-System wurde im Auftrag des Finanzplatzes Schweiz von SIX Interbank Clearing entwickelt. Es wurde im Januar 1999 in Betrieb genommen mit dem Ziel, Schweizer Banken die schnelle, einfache und kostengünstige Verrechnung von Euro-Zahlungen untereinander zu ermöglichen, ohne gegenseitig Euro-Konten führen zu müssen.

Grundlage von euroSIC, das auf dem Franken-Zahlungssystem SIC basiert, sind Verrechnungskonten der Teilnehmer, die im Rechenzentrum von SIX in Zürich betrieben werden. Alle Transaktionen der beteiligten Institute werden über diese Konten abgewickelt, falls deren Deckung auf den Girokonten der euroSIC-Teilnehmer bei der euroSIC-Systemmanagerin (SECB Swiss Euro Clearing Bank) sichergestellt ist.

Teilnahmebedingungen

In der Regel kann jedes Institut, das der schweizerischen Bankenaufsicht unterliegt, an euroSIC teilnehmen. Finanzinstitute, Gemeinschaftswerke, Clearingorganisationen sowie deren Mitglieder ausserhalb der Schweiz erhalten ebenfalls Zugang, sofern sie in ihren Ursprungsländern in Bezug auf Bankenaufsicht, Bekämpfung der Geldwäscherei und Telekommunikationsinfrastruktur mindestens denselben rechtlichen und operationellen Standards unterworfen sind wie die Teilnehmer in der Schweiz.

Systemmanagerin

Die SECB, ein Gemeinschaftsunternehmen von SIX, Credit Suisse, UBS und PostFinance, ist als Systemmanagerin mit der Steuerung und Überwachung des euroSIC-Systems betraut. Als deutsche Universalbank und Teilnehmerin am RTGS-System der Deutschen Bundesbank hat sie über TARGET2 Zugang zu allen Euro-Ländern und wickelt Euro-Zahlungen der euroSIC-Teilnehmer von der Schweiz in den Euroraum und umgekehrt in Echtzeit ab. Zusätzlich nimmt die SECB am deutschen und am paneuropäischen Massenzahlungssystem EMZ bzw. STEP2 teil.

Liquiditätsmanagement

Als weitere wesentliche Aufgabe übernimmt die SECB das Liquiditätsmanagement für das euroSIC-System. Zu Beginn eines Clearingtages überträgt die SECB die Giroguthaben der euroSIC-Teilnehmer ins System. Diese können jederzeit den Saldo und die verrechneten Zahlungsein- und Zahlungsausgänge auf ihren Verrechnungskonten im euroSIC online und in Echtzeit abfragen. Bei Bedarf sind sie während des Clearingtages jederzeit in der Lage, zusätzliche Liquidität über die SECB anzuschaffen beziehungsweise überschüssige Liquidität abzuschöpfen. Gegen Verpfändung zentralbankfähiger Sicherheiten (Collaterals) stellt die SECB die gewünschte Zusatzliquidität in Form von zinslosen Innertages- beziehungsweise Übernachtkrediten zu gleichen Beleihungskriterien zur Verfügung. Am Ende eines Clearingtags veranlasst die SECB den Übertrag der Clearingguthaben auf die Girokonten der euroSIC-Teilnehmer. Zahlungsaufträge können bis fünf Clearingtage im Voraus eingegeben werden. In der Regel werden Transaktionen in der Reihenfolge ihres Eingangs bearbeitet; die Ausführung lässt sich aber auch über einen Prioritätscode steuern.

Keine Kredit- und Liquiditätsrisiken

Bei jeder einzelnen Zahlung überprüft das System, ob der Betrag durch das Verrechnungskonto der betroffenen Bank gedeckt ist. Nur bei vorhandener Deckung wird eine Transaktion unwiderruflich und final durchgeführt. Andernfalls wird die Zahlung in einer Wartedatei so lange pendent gehalten, bis die Deckungsbedingung durch empfangene Zahlungen beziehungsweise Liquiditätszufuhr erfüllt ist. Der Zahlungsempfänger kann dann sofort ohne Kredit- und Liquiditätsrisiken über den vergüteten Betrag verfügen.

Das Tor für Euro-Zahlungen

Da die Schweiz kein EU-Mitglied ist, hat sie keinen direkten Anschluss an TARGET2, das die für den grenzüberschreitenden Euro-Zahlungsverkehr notwendige Verbindung zwischen den nationalen RTGS-Systemen der EU-Teilnehmerländer sicherstellt.

Um Euro-Zahlungen zwischen der Schweiz beziehungsweise Liechtenstein und den Ländern in der Eurozone dennoch zu ermöglichen, entwickelte SIX Interbank Clearing im Auftrag des Finanzplatzes Schweiz das euroSIC-System. Dadurch sind dessen Teilnehmer indirekt via SECB und das deutsche RTGS-System in Echtzeit mit TARGET2 und dadurch mit allen Euro-RTGS-Systemen der EU-Mitgliedstaaten verbunden.

euroSIC ermöglicht so seinen Teilnehmern, grenzüberschreitende Euro-Zahlungen zu praktisch allen Instituten im Euroraum abzuwickeln. Umgekehrt erhalten Institute in der Eurozone Zugang zu über 3200 schweizerischen und liechtensteinischen Bankstellen.

Über euroSIC lassen sich auch nicht eilige Euro-Zahlungen verarbeiten. euroSIC-Teilnehmer können über die SECB nicht eilige Zahlungen nach Deutschland bis zu einem Betrag von EUR 50'000 zu einem günstigen Transaktionspreis via das Massenzahlungssystem EMZ der Deutschen Bundesbank tätigen. Die SECB bietet zudem den euroSIC-Teilnehmern aus dem Euroraum (beispielsweise aus Liechtenstein) auch einen preisgünstigen Zahlungsweg über STEP2, dem paneuropäischen Zahlungssystem für Massenzahlungen, an.

Zahlungsverarbeitung

Der Zahlungsauftrag eines Systemteilnehmers wird zuerst einer formalen Prüfung unterzogen: Das System verifiziert die elektronische Unterschrift, die Eingabeberechtigung und den Aufbau der Zahlungsinstruktion aufgrund der Stammdaten des Instituts. Zudem wird sichergestellt, dass der Zahlungsauftrag nicht doppelt vorliegt. Als nächstes folgt die Deckungsprüfung: Bei ungenügender Deckung kommt die Zahlung in eine Warteschlange, bis durch eingehende Beträge genügend Liquidität verfügbar ist: euroSIC lässt also keine Zahlungen unter Vorbehalt zu. Das Institut des Zahlers ist jederzeit in der Lage, die betreffende Zahlung mit sämtlichen Details abzufragen.

Transaktionen zwischen euroSIC-Teilnehmern gelten als so genannte inländische Zahlungen und werden direkt verrechnet. Gleiches gilt für die aus Wertschriftengeschäften resultierenden Transaktionen (SECOM, Eurex/Euro-Repo). Handelt es sich hingegen um grenzüberschreitende Zahlungen (Zahlungen an Institute, die nicht an euroSIC angeschlossen sind), werden diese bei der SECB automatisch in SWIFT-Meldungen konvertiert und in Echtzeit an die angeschlossenen ausländischen Systeme weitergeleitet. Zur Wahl dieses Systems (Routing) besteht bei der SECB eine Steuertabelle, die sowohl Systemkriterien als auch bilaterale Vereinbarungen berücksichtigt. Zahlungen aus dem Euro-Zahlungsraum an euroSIC-Teilnehmer gehen den umgekehrten Weg.

Lange Öffnungszeiten

Die euroSIC-Teilnehmer können Zahlungen an Bankwerktagen rund um die Uhr online einliefern. Sie werden während 24 Stunden am Tag – nach Überprüfung der erforderlichen Deckung – verrechnet und weitergeleitet.

Für euroSIC hat eine Woche fünf Tage: Transaktionen vom Wochenende erhalten als Verrechnungsdatum den folgenden Montag.

Im Vergleich zu Kalendertagen läuft der euroSIC-Clearingtag zeitverschoben. Er dauert von ca. 20.30 MEZ des Vorabends bis etwa 18.45 MEZ des aktuellen Tages, am Wochenende von Freitag, 20.30 bis Montag 18.45 MEZ. Im Vergleich zu anderen Euro-Zahlungssystemen verfügt euroSIC mit der Festsetzung von 18.45 MEZ als Ende eines Clearingtags über ausserordentlich lange Öffnungszeiten. Abweichungen sind in der jährlich erscheinenden Verarbeitungs- und Valutaregelung aufgeführt, in dem auch die Bankfeiertage bekannt gegeben werden.

Das Operations Center von SIX Interbank Clearing überwacht den Betrieb. Es steht den teilnehmenden Banken von 6.00 bis 20.00 MEZ für Auskünfte und zur Unterstützung zur Verfügung.

System-Kommunikation

Finanzinstitute schliessen sich entweder über Finance IPNet, eine moderne, auf dem Internet-Protokoll basierende Kommunikationsinfrastruktur ans euroSIC-System an. Oder sie entscheiden sich für das Webportal, einen alternativen, kostengünstigeren euroSIC-Anschluss. Hierbei verwenden sie ihre bereits vorhandene SWIFT-Infrastruktur für die Zahlungsmeldungen und Internet für das Cash-Management.

Technische Sicherheit

IBASEC, ein Interbank-Sicherheitssystem, sorgt für die zuverlässige, vertrauliche Übermittlung von täglich bis über zwei Millionen Transaktionen zwischen den Instituten im Wert von über CHF 300 Milliarden an Spitzentagen. Für Teilnehmer, die das Webportal nutzen, gelten die hohen Sicherheitsbedingungen von SWIFT. Beide Kommunikationswege erfüllen folgende Anforderungen:

  • Meldungen werden unverfälscht übermittelt.
  • Die Absender der Meldungen sind eindeutig.
  • Senden und Empfangen von Meldungen können nicht bestritten werden.
  • Abhorchen von Meldungen während der Übertragung ist unmöglich.